„Million of Germs Will Die“. Hygiene in Film und Fernsehen – Aycha Riffi und Edgar Weiß

Obwohl „Hygiene“ zunächst nicht den Eindruck eines Blockbuster-tauglichen Themenkomplexes macht, beschäftigen sich Film und Fernsehen sehr facettenreich damit. Diese Facetten fächern die Filmwissenschaftler und Filmemacher Aycha Riffi und Edgar Weiß auf. In der Werbung für Hygieneprodukte wird so meist mit der Angst des Zuschauers operiert, sich ohne das beworbene Produkt in gesundheitliche Risiken zu begeben. Der menschliche Körper ist die Festung, die von gemeingefährlichen Viren und Bazillen belagert wird und dringend Schutz benötigt. Die monströse Darstellung von Krankheitserregern verkehrt sich ausgerechnet in der Kinderliteratur mit „Karius und Baktus“ in ihr Gegenteil und ruft eher Mitleid mit den beiden Protagonisten hervor. Diese Schutzlosigkeit des Körpers im bedrohten hygienischen Raum wird in anderen Genres weitergetragen und zur Spannungserzeugung genutzt. Die Darstellung dieses Raumes übernimmt das Badezimmer, in dem der Protagonist (wie etwa in Hitchcocks „Psycho“) nackt und schutzlos seinen Feinden ausgeliefert ist. Der gegenteilige Effekt wird in Komödien durch die Nutzung von Fäkalhumor erreicht. Die Toilette dient aber auch als Ort der spirituellen Reinigung und Katharsis, so in „Trainspotting“. Arzt- und Krankenhausserien stellen verständlicherweise den „natürlichen“ Raum für Hygienethemen dar. Dabei werden aber immer die großen Themen des Lebens, Endlichkeit, Krankheit thematisiert. Neben den „Göttern in Weiß“ entstehen aber auch zunehmend Antihelden wie die M*A*S*H-Figuren oder zuletzt Dr. House, die die Menschlichkeit der Protagonisten zurück in den Reinraum holen. Die Darstellung von Krankheit und mangelnder Hygiene kann den Zuschauer wiederum in seinem „Normalsein“ bestätigen. Das Genre des Seuchenfilms (paradigmatisch „Outbreak“) spielt mit den Ängsten der Zuschauer vor der Unberechenbarkeit und letztlich Unkontrollierbarkeit von Keimen. In „Monk“ oder „Besser geht’s nicht“ gipfelt diese Angst oder das Bewusstsein der Unmöglichkeit totaler Hygiene in Zwangsverhalten.

„Hygiene“ ist kein so unterhaltungsfernes Thema, wie es zunächst erscheint, wenn man sich die vielen Facetten des Themas vor Augen führt. Allerdings ist gerade bei den immer realistischeren Ansprüchen genügenden Krankenhausserien Vorsicht geboten. Es besteht zum einen die Gefahr, ein falsches Bild des Krankenhausalltags zu verankern, dass dem Personal dann beim Aufenthalt des Zuschauers im Krankenhaus entgegenschlägt. Gefährlicher noch ist die verfehlte Überzeugung, auch Laien könnten über solche Serien medizinisches Fachwissen erlangen, das sie dann im Notfall anwenden können.

Der Volltext zu dieser Zusammenfassung findet sich in: H. W. Ingensiep / W. Popp (Hrsg.): Hygiene und Kultur. Interdisziplinäre IOS-Schriftenreihe Band 2. Essen: Oldib-Verlag 2012.

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